Die Einsicht

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Drei Uhr nachmittags.
Kilian hat die Wohnung seiner Freundin verlassen
und durchquert die Fußgängerzone.
Weich und warm ist es gewesen, alles bestens,
aber für den Rest des Tages möchte er allein sein.
Nach ihrer letzten Kissenschlacht haben sie Radio gehört.
Ein junger Schnösel hat eine von Kilians Lieblingsgruppen
als "Avantgarde von vorgestern" bezeichnet.
Kilian ärgert sich, weil er weiß, daß es stimmt.
Er hat die Tageszeitung seiner Freundin mitgehen lassen
und überfliegt im Gehen die Schlagzeilen.
Ein Bonner Rüstungsexperte bezeichnet das amerikanische
Star Wars Programm als FRIEDLICHE NUTZUNG DES WELTRAUMS
ZUR VERTEIDIGUNG. Ungläubig bleibt Kilian stehen
und reibt sich die Augen. So kann er nicht sehen,
daß mit schweren schnellen Schritten ein Skin auf ihn zukommt
und ihm wortlos eine Rasierklinge quer durchs Gesicht zieht.
Kilians Nase fällt ab.
Schießendes Blut, Aufschrei, Schock.
Der Skin ist verschwunden, verschluckt vom Beton.
Keuchend beugt sich Kilian nach seiner Nase.
Seien Sie froh, daß er Sie nicht zu Boden geworfen hat,
belehrt ihn ein Gemeinschaftskundestudienrat in Nappalederjacke,
Sandalen und karierten Socken und nimmt seine Videokamera
von der Schulter. Hätten Sie erst auf dem Boden gelegen,
hätte der Skin Sie buchstäblich eingestampft.
Die treten nicht nur zu, die springen mit ganzem Körpergewicht
in Ihre Eingeweide! Glück muß der Mensch haben,
lallt Kilian und betrachtet seinen rotgesprenkelten Joggeranzug.
Verschwommenen Auges sieht er im Fernsehgeschäft gegenüber
die Sesamstraße. Ernie wird von Bert ausgeschimpft.
Plötzlich reißt Ernie den Lautstärkeregler vom Radio ab,
pappt ihn Bert auf den Bauch und dreht Berts Stimme weg.
Alles klar, kichert Kilian und drückt sich seine Nase
auf die Stirn. Auf diese Weise kriegt man ein viel
größeres Blickfeld, und die Gedanken kühlen beim Durchatmen
angenehm ab. Friedliche Nutzung des Weltraums zur Verteidigung,
summt Kilian, und: Einigkeit und Recht und Freiheit,
und: Erwin faß der Heidi von hinten an die Schulter,
und er geht nicht nach Hause,
er geht in eine fremde Wohnung,
aber niemand wundert sich und er
bleibt sein Leben lang da.


Autor(es): Heinz Rudolf Kunze

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